Von Straßburg zur Stamford Bridge: Chelseas bisher riskanteste Verpflichtung
Schon wieder ein Chelsea-Trainer weg, schon wieder ein Neustart mitten in der Saison. Das fällt kaum noch auf. Was diesmal heraussticht, ist nicht der Zeitpunkt, sondern die Art der Entscheidung, die der Klub getroffen hat.
Anstatt auf einen bewährten Trophäensammler oder einen bekannten Elite-Namen zu setzen, hat Chelsea Liam Rosenior aus Straßburg befördert, dem Ligue-1-Klub, der ebenfalls von BlueCo kontrolliert wird. Es ist eine Entscheidung, die stark auf Chelseas offiziell propagierte Jugendstrategie einzahlt und die kaum Raum für Ausreden lässt, sollte die Geduld erneut schwinden.
Das ist weit entfernt von den Jahren unter Roman Abramowitsch, als Dringlichkeit den Ton angab und Titel fast jede Umwälzung rechtfertigten. Chelseas Eigentümer sind weiterhin wohlhabend, doch die Profitabilitäts- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League sowie die finanziellen Vorgaben der UEFA prägen inzwischen jede Entscheidung. Innerhalb dieser Grenzen scheint der Klub akzeptiert zu haben, dass Fortschritt zumindest öffentlich wichtiger ist als sofortige Ergebnisse.
Ob diese Haltung eine weitere schwierige Spielphase übersteht, ist eine andere Frage.
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Ein Trainer, fernab der Elite geformt
Mit 41 Jahren bringt Rosenior nicht das Profil mit, das man üblicherweise mit Stamford Bridge verbindet. Seine Spielerkarriere, aufgeteilt zwischen Premier League und Championship, war solide, aber nicht spektakulär. Nicht Prominenz, sondern Trainerarbeit bildet das Fundament seines Aufstiegs.
Als Derby County ihn 2019 in den Trainerstab von Phillip Cocu holte, verwies der Klub auf seine Arbeit in der individuellen Spielerentwicklung und Gegneranalyse sowie auf den Wert seiner eigenen Spielerfahrung. Diese Schwerpunkte haben ihn seither begleitet.
Nach Cocus Abgang blieb Rosenior als Assistent von Wayne Rooney im Amt. In der BBC-Sendung Wayne Rooney Show beschrieb Rooney ihn später als einen der besten Trainer, mit denen er gearbeitet habe, und lobte seine Detailgenauigkeit sowie seine täglichen Standards ein Lob, das Rosenior durch seine weiteren Stationen begleitet hat.
Jugend ohne Abkürzungen
Roseniors erste Cheftrainerstation führte ihn zu Hull City, wo er eine junge, finanziell begrenzte Mannschaft in der Saison 2023/24 auf Platz sieben der Championship führte. Spieler wie Jacob Greaves, später an Ipswich Town verkauft, und Mittelfeldspieler Tyler Morton waren zentrale Figuren eines Teams, das weithin als über den Erwartungen spielend galt.
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Seit seinem Wechsel nach Straßburg im Jahr 2024 hat Rosenior diesen Ansatz weiter vertieft. Laut AFP-Daten stellt Straßburg inzwischen den jüngsten Kader der Ligue 1 mit einem Durchschnittsalter von 22,6 Jahren. Gegenüber ITV beschrieb Rosenior Trainerarbeit als eine Mischung aus Bildung und Führung und betonte, dass Disziplin und Kultur ebenso wichtig seien wie taktische Anweisungen.
Auf dem Papier passt das hervorragend zu Chelsea. In der Praxis verlangt es von Fans und Klubführung, Fehler als Teil des Prozesses zu akzeptieren. Die Geschichte zeigt, dass diese Toleranz begrenzt ist.
Überzeugung mit dem Ball, Fragen ohne ihn
Taktisch sind Roseniors Teams klar und kompromisslos. Straßburg baut von hinten auf, legt Wert auf Ballbesitz und hält auch unter Druck an seinen Prinzipien fest. Gespielt wurde sowohl mit Dreier- als auch mit Viererkette, bei einem durchschnittlichen Ballbesitz von 52,9 Prozent in der Ligue 1.
Dieser Mut hat Anerkennung gefunden. Nach dem 3:3-Unentschieden gegen Paris Saint-Germain im Oktober sagte PSG-Trainer Luis Enrique, er sei beeindruckt von Roseniors Arbeit und der Klarheit der Spielidee seiner Mannschaft.
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Französische Medien haben jedoch auch bekannte Schwächen hervorgehoben. Berichte stellten die Fähigkeit Straßburgs infrage, den Kurs zu ändern, wenn Spiele kippen besonders auswärts. Die Intensität lässt nach, das Selbstvertrauen wankt, und der Plan bleibt oft derselbe. Bei Chelsea, wo taktische Starrheit bereits etablierteren Trainern zum Verhängnis wurde, könnte das schnell zum Problem werden.
Repräsentation und Realität
Roseniors Ernennung hat eine Bedeutung, die über den Fußball hinausgeht. Er ist erst der zweite schwarze Cheftrainer in der Geschichte Chelseas nach Ruud Gullit. Der frühere Chelsea-Flügelspieler Paul Canoville sagte dem Daily Telegraph, es könne eine starke Wirkung haben, jemanden mit ähnlichem Hintergrund in dieser Rolle zu sehen insbesondere für junge Fans, die sich an der Spitze des Spiels selten repräsentiert sehen.
Chelseas Verhältnis zu Rassismus und Inklusion war lange Zeit kompliziert, und der Klub hat in den vergangenen Jahren sichtbare Anstrengungen unternommen, sich dieser Geschichte zu stellen. Roseniors Aufstieg fügt sich in dieses größere Bild ein, auch wenn Symbolik ihn nicht vor einer ergebnisorientierten Bewertung schützen wird.
Ein fragiler Glaube
Die jüngere Vergangenheit bietet wenig Anlass zur Zuversicht. Thomas Tuchel, Graham Potter, Mauricio Pochettino und Enzo Maresca verließen den Klub allesamt schnell trotz sehr unterschiedlicher Profile und Philosophien. Chelsea betont, diese Ernennung stehe für Kontinuität und Überzeugung. Die Bilanz des Klubs zeigt jedoch, dass diese Überzeugung Grenzen hat.
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Gelingt Rosenior der Durchbruch, wird Chelsea diesen Moment als Beweis dafür anführen, dass man sich endlich zu einer langfristigen Vision bekannt hat. Scheitert er, wird das Urteil härter ausfallen: Dann habe die Jugend-Rhetorik lediglich die altbekannte Ungeduld kaschiert.
Es ist nicht nur eine Wette auf einen Trainer. Es ist eine Wette darauf, ob Chelsea mit den Konsequenzen seiner eigenen Ideen leben kann.
Quellen: BBC, ITV, AFP, The Athletic, Daily Telegraph
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