Im Alter von 33 Jahren hatte Sharmila Dhankar noch an keinem großen internationalen Sportwettbewerb teilgenommen. Sie besaß keine jahrelange Nachwuchsausbildung, keine professionelle Infrastruktur und keine finanzielle Sicherheit.
Sie hatte stattdessen zwei Töchter großgezogen, eine gewalttätige Ehe überlebt und versucht, ihr Leben nach der Scheidung vollständig neu aufzubauen.
Sieben Jahre später stieß Dhankar die Kugel in Glasgow 9,81 Meter weit. Die Saisonbestleistung brachte ihr Gold bei den Commonwealth Games und machte sie zur ersten indischen Para-Leichtathletin, die bei diesem Wettbewerb einen Titel gewann.
Polio veränderte ihre Kindheit
Dhankar erkrankte im Alter von zwei Jahren nach hohem Fieber an Polio. Die Krankheit beeinträchtigte ihr linkes Bein und bestimmte viele der Möglichkeiten, die ihr während der Kindheit zur Verfügung standen.
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In der Schule gehörte sie dennoch zu den besten Schülerinnen. Ihre Mutter berichtete später, dass ihre Tochter von der ersten bis zur zehnten Klasse regelmäßig an der Spitze gelegen habe.
Die finanziellen Verhältnisse der Familie erlaubten jedoch keine lange Ausbildung. Dhankar wurde mit 19 Jahren verheiratet und bekam zwei Töchter.
Die Ehe wurde nach ihrer eigenen Darstellung zunehmend gewalttätig. Im Jahr 2012 warf ihr damaliger Ehemann sie und die beiden Kinder aus dem gemeinsamen Haus.
Ihre Familie gab ihr eine zweite Chance
Nachbarn halfen Dhankar, bevor ihre Eltern sie zurück in ihr Heimatdorf brachten. Ihre Mutter Santosh, die seit ihrer Geburt blind ist, bestand darauf, dass die Tochter nicht in das gewalttätige Zuhause zurückkehren sollte.
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Die folgenden Jahre waren keineswegs einfach. Verwandte beschuldigten Dhankar nach eigenen Angaben, ihre Familie zerstört zu haben, während sie versuchte, Arbeit zu finden und ihre Töchter zu versorgen.
Wie Nitin Sharma in The Indian Express berichtet, arbeitete sie vorübergehend als erste Buskontrolleurin des Bundesstaates Haryana. Die Beschäftigung endete bereits nach wenigen Wochen, als der Streik, durch den die Stelle entstanden war, beendet wurde.
2018 heiratete sie Ajit Singh. Seine Unterstützung eröffnete ihr einen Weg, der zu diesem Zeitpunkt kaum noch realistisch erschien.
Ein ungewöhnlich später Beginn
Ajit brachte Dhankar zunächst zum Kabaddi. Später stellte er sie dem paralympischen Athleten und Trainer Tek Chand vor, der ihre Grundlagen in den Wurfdisziplinen entwickelte.
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Dhankar begann erst mit ungefähr 33 Jahren an Wettkämpfen teilzunehmen. Viele internationale Spitzenathleten haben in diesem Alter bereits mehrere olympische Zyklen absolviert.
Ihr später Einstieg wurde jedoch nicht zum Nachteil, sondern zu einer zusätzlichen Motivation. Innerhalb kurzer Zeit gewann sie einen nationalen Titel und qualifizierte sich für internationale Wettbewerbe.
Nach dem Bericht von The Times of India über ihren Weg nach Glasgow verkaufte die Familie sogar ihr Haus, um die sportliche Karriere zu finanzieren. Ihr Ehemann kündigte seine Arbeit und nahm Kredite auf, während ihre Mutter später einen Teil des Familienlandes veräußerte.
Sie hatte den Titel bereits angekündigt
Dhankar gehörte vor den Commonwealth Games zu Indiens größten Hoffnungen im Para-Sport. Beim Fazza International Para Athletics Championship in Dubai gewann sie zuvor Gold im Kugelstoßen und Bronze im Diskuswurf.
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In Glasgow trat sie in der Klasse F57 an. Die Kategorie umfasst Athleten mit Beeinträchtigungen der unteren Gliedmaßen, die aus einem befestigten Sitzrahmen werfen.
Die Commonwealth Games präsentierten 2026 das bis dahin größte Para-Leichtathletik-Programm ihrer Geschichte. Insgesamt wurden 16 Entscheidungen ausgetragen, jeweils acht für Frauen und Männer.
Dhankars bester Versuch landete bei 9,81 Metern. Damit gewann sie Gold und beendete Indiens 20 Jahre dauernde Wartezeit auf eine weitere Para-Leichtathletik-Medaille bei den Spielen.
Ein zweites indisches Drama auf dem Podium
Hinter Dhankar entwickelte sich ein ungewöhnlicher Kampf um Bronze. Ihre Teamkollegin Shilpa K. Shyla lag zunächst auf Platz vier und schien die Medaille knapp verpasst zu haben.
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Der indische Verband legte Protest gegen einen Versuch der Nigerianerin Eucharia Iyiazi ein. Nach einer Überprüfung wurde deren einziger gültig gewerteter Stoß nachträglich als ungültig eingestuft.
Shyla rückte dadurch auf Rang drei vor und brach nach der Entscheidung in Tränen aus. Gemeinsam mit Dhankar bescherte sie Indien einen historischen Doppelerfolg.
Der Abend endete damit nicht nur mit dem ersten indischen Gold, sondern mit zwei Athletinnen auf dem Podium.
Alter soll kein Hindernis mehr sein
Dhankars Trainer geht davon aus, dass ihre Karriere noch lange nicht beendet ist. Trotz ihres Alters von 40 Jahren könne sie aufgrund ihres Trainings weitere vier oder fünf Jahre auf internationalem Niveau werfen.
Ihr nächstes Ziel ist Gold bei den Asienspielen. Gleichzeitig hofft sie, eines Tages gemeinsam mit ihren Töchtern an einem großen Sportereignis teilzunehmen.
Anuj trainiert im Speerwurf, Laxmi im Weitsprung. Dhankar möchte erleben, dass alle drei Frauen derselben Familie gleichzeitig qualifiziert sind.
Ihre Geschichte stellt eine verbreitete Vorstellung infrage: dass eine sportliche Laufbahn nur dann möglich ist, wenn sie bereits in der Kindheit beginnt.
Dhankar begann erst, als viele andere bereits aufhören. Sie hat trotzdem Geschichte geschrieben.



