Gianni Infantino, Aleksander Ceferin

FIFA dreht im explosiven Rechtsstreit den Spieß gegen die UEFA um

Die FIFA beschuldigt die UEFA, eine politische Kampagne als Rechtsverfahren zu tarnen, und behauptet, Europa kämpfe um die Bewahrung seiner Vormachtstellung im Weltfußball. Der Gegenangriff markiert eine dramatische Eskalation, doch…

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FIFA startet den Gegenangriff

Der Streit über Gianni Infantinos gescheiterten Plan, Anteile am kommerziellen Geschäft der FIFA zu verkaufen, ist in eine neue und zunehmend feindselige Phase eingetreten. Nachdem die UEFA in den USA vier Verfahren zur Beschaffung von Dokumenten und Zeugenaussagen eingeleitet hatte, reagierte die FIFA mit dem Vorwurf, der europäische Verband betreibe eine koordinierte „Verleumdungskampagne“ gegen die Organisation und ihren Präsidenten.

Laut dem Bericht der Associated Press über die FIFA-Schriftsätze behauptet der Weltverband, die UEFA nutze das amerikanische Rechtssystem zur Unterstützung eines politischen Angriffs und nicht für ein hinreichend konkretes ausländisches Gerichtsverfahren. Die FIFA argumentiert, die angekündigte Schweizer Strafanzeige sei weiterhin spekulativ und die UEFA besitze nicht die Befugnis, das in ihren Anträgen beschriebene Strafverfahren selbst einzuleiten.

Die Antwort weist nicht nur die Vorwürfe der UEFA zu FIFA Forward Enterprise zurück. Die FIFA präsentiert eine deutlich umfassendere und möglicherweise explosive Verteidigung: Die UEFA habe das Projekt bekämpft, weil zusätzliche Finanzmittel für kleinere Fußballnationen die wirtschaftliche und sportliche Vorherrschaft Europas gefährden könnten.

„Wenn der Fußball in den Entwicklungsländern gestärkt wird, nimmt der weltweite Wettbewerb zu, was letztlich die Marktmacht der UEFA reduziert und für mehr Konkurrenz gegenüber ihren wichtigsten Wettbewerben sorgt“, heißt es in dem FIFA-Schriftsatz. Die FIFA argumentiert zusätzlich, eine bessere Finanzierung könne mehr Spieler dazu bewegen, ihre Herkunftsländer zu vertreten und in heimischen Ligen außerhalb Europas zu bleiben.

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Nach Darstellung der FIFA ging es der UEFA somit nicht allein um Governance, Transparenz oder den Schutz der Weltmeisterschaft, sondern auch um die Bewahrung europäischer Privilegien. Diese Behauptungen sind Teil der rechtlichen und politischen Verteidigung der FIFA. Sie wurden von keinem Gericht als Tatsachen bestätigt.

Das Gericht hat den UEFA-Antrag nicht abgewiesen

Die jüngste prozessuale Entscheidung muss sorgfältig eingeordnet werden. Ein Bundesrichter in Florida hat weder den UEFA-Antrag abgelehnt noch die Vorwürfe bestätigt oder die Herausgabe von Dokumenten verweigert. Das Gericht hat lediglich FIFA (AMERICAS), Inc. und FWC2026 US, Inc. gestattet, eine formelle Stellungnahme einzureichen, bevor über den Antrag entschieden wird.

Das öffentliche Register zum Florida-Verfahren führt die Angelegenheit unter dem Aktenzeichen 1:26-mc-25872 vor Richter Jose E. Martinez. Die amerikanischen FIFA-Gesellschaften haben bis zum 28. September Zeit, ihren vollständigen Widerspruch einzureichen. Der Antrag auf Beweisaufnahme bleibt daher anhängig, und die UEFA besitzt noch keine richterliche Genehmigung, die Herausgabe der Unterlagen zu erzwingen.

Die FIFA versucht außerdem, sich an drei weiteren Verfahren zu beteiligen. Der Antrag in Florida richtet sich gegen die amerikanischen FIFA-Aktivitäten und die Gesellschaft hinter der Weltmeisterschaft 2026. Zwei New Yorker Verfahren betreffen den vorgesehenen Investor Thrive Capital, dessen Gründer Josh Kushner und die beratende Bank J.P. Morgan. In Colorado verlangt die UEFA Informationen von Greg Maffei, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Liberty Media, und dessen Gesellschaft BANN Ventures.

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Die vier Anträge wurden nach Paragraf 1782 des US-Bundesrechts eingereicht. Diese Vorschrift kann es ermöglichen, in den Vereinigten Staaten befindliche Beweismittel für Verfahren im Ausland zu beschaffen. Die FIFA behauptet, die Regel werde missbraucht, weil das von der UEFA beschriebene Schweizer Verfahren noch nicht existiere. Die UEFA entgegnet, das amerikanische Recht erlaube eine Beweisaufnahme für ein ernsthaft geplantes ausländisches Verfahren, auch wenn dieses noch nicht formell eröffnet wurde.

UEFA will die geheimen Akten öffnen

Im Zentrum des Konflikts steht FIFA Forward Enterprise, eine geplante Tochtergesellschaft, die wertvolle kommerzielle Rechte an der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie der Klub-WM kontrolliert hätte. Für rund 4,2 Milliarden Dollar sollten private Investoren einen dauerhaften Anteil von 20 Prozent erhalten. Daraus ergab sich eine Gesamtbewertung des Unternehmens von ungefähr 20 Milliarden Dollar.

Die UEFA behauptet, das Projekt sei länger als ein Jahr von einer kleinen Gruppe um Infantino entwickelt worden, ohne den FIFA-Rat, die Konföderationen oder die 211 Mitgliedsverbände angemessen einzubeziehen. Zudem stellt sie infrage, weshalb kein offenes Bieterverfahren und keine unabhängige Bewertung stattfanden, bevor das mit Thrive verbundene Kapital als führender Investor vorgesehen wurde.

In ihrem ursprünglichen Antrag gegen Thrive Capital und Josh Kushner bezeichnete die UEFA die Bewertung von 20 Milliarden Dollar als „absurd niedrig“. Sie behauptet außerdem, die geplante Transaktion hätte Infantino und einen kleinen Kreis in seinem Umfeld begünstigen können. Dabei handelt es sich weiterhin um Anschuldigungen der UEFA. Kein Gericht hat festgestellt, dass Infantino strafbar handelte oder einen persönlichen finanziellen Vorteil anstrebte.

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Der europäische Verband verlangt interne Bewertungen, Nachrichten, Finanzanalysen und Unterlagen darüber, wer an den Verhandlungen beteiligt war. Diese Dokumente könnten zeigen, wann das Projekt entstand, welche Angaben über die internen Genehmigungen der FIFA gemacht wurden und ob der Preis von 4,2 Milliarden Dollar das Ergebnis einer marktüblichen Bewertung war.

FIFA bestreitet die rechtliche Position der UEFA

Die Gegenargumentation der FIFA konzentriert sich teilweise auf die Frage, ob sich die UEFA glaubwürdig als mögliches Opfer ungetreuer Geschäftsbesorgung darstellen kann. Der Weltverband betont, dass das Projekt zurückgezogen wurde, bevor Anteile verkauft wurden. Deshalb könne die UEFA den finanziellen Schaden nicht nachweisen, der nach Auffassung der FIFA für eine Anwendung von Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuchs erforderlich wäre.

Die FIFA fragt außerdem, weshalb die UEFA amerikanische Gerichte eingeschaltet hat, anstatt zunächst in der Schweiz Informationen oder Rechtsmittel zu suchen. Streitigkeiten innerhalb der Führungsstruktur des Fußballs sollten nach Darstellung der FIFA durch vereinbarte institutionelle Verfahren und Schiedsgerichte behandelt werden, nicht durch öffentlich inszenierte Anträge in mehreren US-Bundesstaaten.

Die UEFA entgegnet, der Zusammenbruch des Projekts habe den mutmaßlichen Schaden für die Governance, den Ruf und die kommerziellen Beziehungen der FIFA nicht beseitigt. Ihre Argumentation beruht nicht nur darauf, ob tatsächlich Geld floss. Sie will untersuchen lassen, wie ein Plan zu den wertvollsten Vermögenswerten der FIFA angeblich ohne Kenntnis wichtiger gewählter Funktionäre entwickelt und präsentiert werden konnte.

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Die amerikanischen Richter sollen nicht darüber entscheiden, ob Infantino eine Straftat begangen hat. Ihre unmittelbare Aufgabe ist enger gefasst: Sie müssen bestimmen, ob die UEFA Dokumente und Zeugenaussagen erzwingen darf, die später den Schweizer Behörden vorgelegt werden könnten.

Der Kampf dreht sich nun um die Kontrolle des Weltfußballs

Mit ihrem neuen Schriftsatz macht die FIFA aus einem Transparenzkonflikt einen Kampf um das globale Machtgleichgewicht. Die UEFA präsentiert sich als Verteidigerin kollektiver Governance gegen eine zunehmend präsidentenzentrierte FIFA. Der Weltverband stellt Europa dagegen als reiche Regionalmacht dar, die juristischen und politischen Druck einsetzt, um zu verhindern, dass Wettbewerber außerhalb Europas zusätzliche Ressourcen erhalten.

Dieser Vorwurf könnte bei kleineren Mitgliedsverbänden Wirkung entfalten, insbesondere bei jenen, die von FIFA-Entwicklungsgeldern abhängig sind. Die UEFA repräsentiert zwar 55 der 211 FIFA-Mitglieder, bei der Präsidentschaftswahl besitzt jedoch jeder nationale Verband eine Stimme. Die Erzählung von einem Europa, das seine finanziellen Privilegien verteidigt, könnte deshalb vor dem FIFA-Kongress im März 2027 zu einem wichtigen Wahlkampfinstrument für Infantino werden.

Der Rechtsstreit findet damit auf zwei Ebenen statt. Vor Gericht kämpfen beide Seiten um Zuständigkeit, Klagebefugnis, Vertraulichkeit und Zugang zu Beweismitteln. Außerhalb des Gerichtssaals streiten sie darüber, was FIFA Forward Enterprise tatsächlich war: der heimliche Versuch, die kommerzielle Zukunft des Fußballs in private Hände zu geben, oder ein Entwicklungsprojekt, das von einem europäischen Establishment zerstört wurde, das seinen Machtverlust fürchtet.

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Bislang hat die UEFA keinen Zugriff auf die Unterlagen erhalten, und die FIFA hat die Anträge nicht zu Fall gebracht. Das Gericht in Florida hat lediglich sichergestellt, dass die FIFA vor der ersten wichtigen Entscheidung angehört wird. Was als Streit über ein gescheitertes Investitionsprojekt in Höhe von 4,2 Milliarden Dollar begann, ist inzwischen ein direkter Kampf darum, wer für den Weltfußball sprechen darf.

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