Leandro Paredes steht im Mittelpunkt des schwerwiegendsten individuellen Disziplinarverfahrens nach den Ausschreitungen im Anschluss an Argentiniens WM-Finalniederlage gegen Spanien. Dem Mittelfeldspieler der Boca Juniors werden drei mögliche Tätlichkeiten vorgeworfen, allerdings wurde er noch nicht schuldig gesprochen. Auch ein möglicher Rücktritt aus der Nationalmannschaft würde eine später verhängte Strafe nicht automatisch aufheben.
Drei Vorwürfe wegen Tätlichkeit
Laut der offiziellen Disziplinarmitteilung der FIFA wurde gegen Paredes ein Verfahren wegen drei möglicher Verstöße gegen Artikel 14.1(i) eröffnet. Die FIFA nennt in ihrer Erklärung nicht, welches mutmaßliche Opfer mit dem jeweiligen Anklagepunkt verbunden ist. Alle Beschuldigten dürfen zunächst Stellung nehmen, bevor die Disziplinarkommission entscheidet.
Laut der Schilderung der Vorfälle durch SPORTbible packte Paredes Eric García am Hals und geriet anschließend mit Gavi aneinander. Thiago Almada soll beteiligt gewesen sein, als der spanische Mittelfeldspieler zu Boden gebracht wurde. Diese Darstellungen sind weiterhin Gegenstand des laufenden Verfahrens.
Nahuel Molina werden zwei Tätlichkeiten vorgeworfen, eine vollendete und eine versuchte Handlung. In der ursprünglichen Fassung wurde „attempted“ fälschlich als „suspended“ wiedergegeben. Gegen Argentiniens Assistenztrainer Roberto Ayala läuft ein weiteres Verfahren wegen einer mutmaßlichen Tätlichkeit, während Molina, Almada und Gavi unsportliches Verhalten vorgeworfen wird.
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Neun Spiele sind kein automatisches Minimum
Laut der FIFA-Disziplinarordnung vom September 2025 kann eine Tätlichkeit mit mindestens drei Spielen oder einem angemessenen Zeitraum geahndet werden. SPORTbible multiplizierte diese Mindeststrafe mit den drei Vorwürfen und kam so auf mögliche neun Spiele. Die FIFA hat jedoch nicht erklärt, dass jeder Anklagepunkt automatisch eine separate und aufeinanderfolgende Mindeststrafe nach sich zieht.
Die Disziplinarkommission muss zunächst entscheiden, welche Vorwürfe bewiesen sind und wie sie gemeinsam bewertet werden. Anschließend können die Schwere der Handlungen sowie erschwerende oder mildernde Umstände berücksichtigt werden. Eine Sperre von neun Spielen ist möglich, aber derzeit keineswegs als Mindeststrafe bestätigt.
Ein Rücktritt würde die Strafe nicht löschen
Die Behauptung, ein Rücktritt aus der Nationalmannschaft würde die Sanktion „ungültig“ machen, ist zu eindeutig. Während eines Rücktritts hätte Paredes keine Länderspiele, in denen er eine Nationalmannschaftssperre absitzen könnte. Die Entscheidung würde jedoch nicht verschwinden und könnte bei einer späteren Rückkehr erneut relevant werden.
Der in diesem Zusammenhang zitierte Artikel 70 schafft keine Ausnahme für zurückgetretene Nationalspieler. Er regelt die weltweite Ausdehnung schwerer Sanktionen und stellt ausdrücklich klar, dass die genannten Beispiele nicht abschließend sind. Weil Tätlichkeiten nicht ausdrücklich aufgelistet werden, ist Boca Juniors deshalb nicht automatisch vor einer weiterreichenden Strafe geschützt.
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Auch der Fall Luis Suárez bietet nur begrenzte Orientierung. Der Uruguayer erhielt 2014 nach seinem Biss gegen Giorgio Chiellini eine Sperre von neun Länderspielen und zusätzlich ein viermonatiges Verbot sämtlicher Fußballaktivitäten. Gegen Paredes wurde bislang keine vergleichbare Sanktion ausgesprochen.
Paredes denkt über seine Zukunft nach
Paredes hat Zweifel an seiner Zukunft in der argentinischen Nationalmannschaft geäußert, seinen Rücktritt aber nicht offiziell bekannt gegeben. Wie er in einem von Infobae veröffentlichten EFE-Bericht zitiert wurde, sagte er: „Ich weiß nicht, ob ich weitermachen kann. Es ist ein Prozess, den man verdauen und durchdenken muss.“ Eine Entscheidung wolle er ruhig und nach Gesprächen mit dem Trainerstab treffen.
Zuvor hatte Paredes in den sozialen Medien geschrieben, er sei stolz darauf, Teil der „besten argentinischen Nationalmannschaft der Geschichte“ gewesen zu sein. Keine dieser Aussagen bestätigt das Ende seiner Länderspielkarriere. Die Rücktrittsdebatte bleibt deshalb vom FIFA-Verfahren getrennt.
Die Entscheidung der FIFA steht noch aus
Paredes und die übrigen Beschuldigten müssen nun ihre Stellungnahmen einreichen. Erst danach wird die FIFA entscheiden, welche Vorwürfe bewiesen sind, wie lange eine mögliche Sperre dauert und für welche Wettbewerbe sie gilt. Bis dahin sind sowohl neun Spiele als automatische Mindeststrafe als auch ein angebliches Rücktrittsschlupfloch unbestätigte Spekulationen.
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